Ev.-Luth. Kirchengemeinde
Hamberge

Glocken läuten für die Hoffnung

Die Corona-Epidemie fordert uns heraus und stellt unsere Gewohnheiten auf den Prüfstand. Innerhalb weniger Tage und Wochen wurde unsere Normalität durchbrochen. Der Alltag gehört der Vergangenheit an. Und niemand kann verlässlich sagen, wann dieser Ausnahmezustand enden wird.

Die augenblickliche Situation ist eine Prüfung für das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und auch für die Art unseres Zusammenlebens. Auch persönlich fühle ich mich hinterfragt: Wer bin ich, wenn Gewohnheiten und Bequemlichkeiten wegfallen? Was ist mir wichtig? Und – wenn ich ehrlich bin – was brauche ich gar nicht? Ob ich mir diese Fragen auch ohne Corona stellen würde?

Wir erleben auf einmal hautnah, wie wenig planbar unser Leben ist. Diese Unsicherheit konnte ich im Alltag gut verdrängen. Aber jetzt machen mir die Karten mit der weltweiten Ausbreitung von Corona, die Tabellen mit den steigenden Zahlen klar, dass es keinen Ort gibt, an den ich fliehen könnte. Corona ist überall – das ist beängstigend und unheimlich. Auch bei uns bringt die Epidemie schon jetzt einige in echte Not. Familien wissen nicht, wie sie es schaffen sollen, Betriebe stehen vor der Insolvenz, Alte fühlen sich bedroht. Es gibt Menschen, die schwer erkranken und von denen einige sterben. Plötzlich geht es um Leben und Tod. Und es könnte jeden treffen, unsichtbar, unmerklich. Darauf sind wir nicht vorbereitet gewesen, wir haben uns im Großen und Ganzen sicher gefühlt.

In früheren Zeiten haben Menschen solche Epidemien als eine „Prüfung“ erlebt. Nun glaube ich nicht, dass Gott ein Interesse hat, uns zu prüfen oder gar zu strafen. Was auf dem Prüfstand steht, sind unsere Gewohnheiten, unser Alltag und vielleicht unser Leben. Wenn ich mich nach der Rückkehr in die Normalität sehne und spüre, wie dünn die Schutzschicht über meiner Angst ist, dann sehne ich mich nach Hoffnung in dieser bedrängenden Situation. Ich meine nicht Flucht aus der Corona-Realität, sondern eine Hoffnung mitten in der Bedrohung.

Der christliche Glaube hat für mich genau diese Kraft. Wenn ich mich darauf einlasse, ist es, als würde mein Blick geweitet. Dann sehe ich die bedrohliche Wirklichkeit aus einem anderen Winkel. Ich gewinne wieder Hoffnung und spüre: Es ist nicht alles verloren, die Bedrohung ist nicht maßlos, es gibt sie immer noch, die Liebe, die Freundschaft, das Vertrauen. Ich bin nicht allein.

Was macht Ihnen Hoffnung? Als Evangelische Kirche wollen wir zu diesem veränderten Blick einladen. Geschichten der Bibel, zum Beispiel Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“, können helfen, die Welt, das Leben anders zu sehen – und wenn nur für einen Augenblick.

Dazu laden wir Sie ein, wenn unsere Kirchenglocken jeden Tag um 12 Uhr läuten. Das ist eine sehr alte Tradition. Seit Jahrhunderten beten Christinnen und Christen zum Läuten der Glocken. Es kann das Vaterunser sein oder ein Gebet für liebe Menschen, Gedanken an die in Not.

Während Sie die Glocken hören, sind Sie nicht allein. Beim täglichen Hoffnungsläuten halten tausende Menschen mit Ihnen gleichzeitig inne. Vielleicht sogar direkt nebenan?

In einer Zeit, in der so vieles auf dem Prüfstand steht, grüße ich Sie von unseren Kirchengemeinden Hamberge und Klein Wesenberg und wünsche Ihnen Hoffnung!

Ihr
Pastor Dr. Rüdiger Sachau